Lichttherapie
Strahlen fürs Gemüt
Licht kann Stimmung, Konzentration, Arbeitsleistung sowie Schlafqualität signifikant erhöhen. Auch
Schulkinder könnten profitieren
Von Joachim Laukenmann
Zusammen mit der Glühbirne, heisst es, habe Thomas Edison auch die Schlaflosigkeit erfunden. Über Jahrtausende hat das natür-
liche Tageslicht unseren Schlaf-Wachrhythmus bestimmt. Die künstliche Beleuchtung, der wir in dieser Jahreszeit besonders aus-
gesetzt sind, liefert aber weder das volle und variable Farbspektrum des Tageslichts noch die Signale von Sonnenauf- und
-Untergang.
Die Folge: Mangels Tageslicht kommt in unserer 24-Stunden-Ökonomie die innere Uhr aus dem Takt. Wir leiden gewissermassen
unter permanentem Jetlag. Bei manchen ist das natürliche Schlaf-Wach-Muster so zerrissen, dass die Gesundheit leidet. Sinkende
Aufmerksamkeit, schlechter Schlaf oder Niedergeschlagenheit können folgen - der so-genannte Winterblues.
Mit dynamischen, am Tageslicht orientierten Lichtkonzepten und dem gezielten Einsatz bestimmter Lichtfarben wollen
Chronobiologen unsere innere Uhr wieder mit dem von der Erdrotation vorgegebenen Takt synchronisieren. «Licht ist der stärkste
Taktgeber der inneren Uhr», sagt Christian Cajochen vom Zentrum für Chronobiologie der Universitätsklinik Basel. Die innere,
«zirkadiane» Uhr steuert rund um den 24-Stunden-Tag das Auf und Ab von Körpertemperatur und von Hormonen wie dem
«Dunkelhormon» Melatonin.
Licht wirkt biologisch wie ein Medikament
Daher wirkt Licht wie ein Medikament. «Je nach Dauer und Zeitpunkt der Exposition, je nach Lichtstärke und Farbe hat sicht-
bares Licht einen anderen Einfluss auf unser Wohlbefinden», sagt Cajochen. So fördere Licht die Vitalität, die Aufmerksamkeit
sowie die Wachheit, die Leistungsfähigkeit, das Wohlbefinden und die Schlafqualität. Seit Jahren wird Licht daher bei Störungen
des Schlaf-Wach-Rhythmus und bei der Behandlung der Winterdepression eingesetzt.
Für sich selbst spricht eine Studie des Italieners Francesco Benedetti von der Universität Mailand mit depressiven Patienten:
Wohnten diese auf der Sonnenseite einer Psychiatrieklinik, wurden sie im Schnitt 3,7 Tage früher entlassen als Patienten, deren
Zimmer gegen Norden ausgerichtet war. Zum falschen Zeitpunkt kann helles Licht aber auch negative Auswirkungen haben: Eine
Studie hat gezeigt, dass schon das Zähneputzen am Abend vor einem zu hellen Badezimmerlicht die Rhythmik der inneren Uhr
verschieben kann.
Als sehr vielversprechend hat sich dagegen der Einsatz von dynamischem Licht in Klassenzimmern erwiesen: Die schulische
Leistung steigt markant an. «In Schweizer Schulen haben diese Erkenntnisse noch keinen Eingang gefunden», sagt Mirjam Münch
vom Labor für Sonnenenergie und Bauphysik der ETH Lausanne. «Hier besteht Handlungsbedarf.» Auch die Anwendung von
dynamischem Licht in Altersheimen hat laut Münch Potenzial. Denn mangels Mobilität fehlt es alten Menschen oft an Tageslicht.
Auch im Klassenzimmer scheint es vor allem auf den Blauanteil des Lichts anzukommen, wenn es um die Steigerung der geisti-
gen Leistung geht. Siegfried Lehrl von der Universität Erlangen konnte in einer Studie zeigen, dass die Verbesserung des Lernvor-
ganges durch Einsatz von blauem Licht etwa einem um fünf Punkte höheren IQ entspricht.
SonntagsZeitung vom 27.12.2009